"And I Darken" von Kiersten White

And I Darken | The Conqueror's Saga #1 | Delacorte Press, 2016 | 9780553522310 | 475 Seiten | Englisch

No one expects a princess to be brutal. And Lada Dragwyla likes it that way. Ever since she and her brother were abandoned by their father to be raised in the Ottoman sultan’s courts, Lada has known that ruthlessness is the key to survival. For the lineage that makes her and her brother special also makes them targets.

Lada hones her skills as a warrior as she nurtures plans to wreak revenge on the empire that holds her captive. Then she and Radu meet the sultan’s son, Mehmed, and everything changes. Now Mehmed unwittingly stands between Lada and Radu as they transform from siblings to rivals, and the ties of love and loyalty that bind them together are stretched to breaking point.

MEINE GEDANKEN

Normalerweise rezensiere ich hier nur Bücher, die auch auf Deutsch erschienen sind, aber wir müssen jetzt mal über „And I Darken“ reden. Ich nehme mal an, dass dieses Machwerk es sowieso irgendwann nach Deutschland schafft, weil es in den USA so gut gelaufen ist, aber selbst wenn nicht, es gibt unter euch sicherlich viele, die auch gern auf Englisch lesen und denen „And I Darken“ bereits in die Hände gefallen ist oder noch fallen könnte. Ich habe den Roman herbeigesehnt, als er angekündigt wurde, ich habe mich darauf gefreut, wie auf kein zweites Buch im Jahr 2016 und ich wurde so maßlos enttäuscht, dass es beinahe lächerlich ist. Nein, nicht nur enttäuscht. „And I Darken“ hat mich regelrecht wütend gemacht. Was Kiersten White hier unter dem Deckmäntelchen von alternativer Geschichte und feministischem Abenteuerroman abliefert, ist der allerletzte Schund. 

WIESO RECHERCHE WICHTIG IST: EIN FALLBEISPIEL

„And I Darken“ ist absolut schlampig recherchiert. Ja, ich weiß, das soll alternative Geschichte sein. Der Roman handelt von Lada, der weiblichen Version des berühmten Vlad Drăculea. Was uns versprochen wurde ist ein Roman, der der Frage nachgeht, wie die Geschichte Europas ausgesehen hätte, wäre Vlad Drăculea eine Frau gewesen. Was wir aber bekommen ist ein halbgares und mangelhaft recherchiertes Monstrum, das nicht nur so ungefähr alle historischen Fakten grundlos verdreht und falsch darstellt, sondern – und das ist der springende Punkt – sich an einer fremden Kultur bedient wie am Flatratebuffet, ohne den nötigen Respekt mitzubringen. Kiersten White greift in die rumänische Geschichte, als wäre sie ein Grabbeltisch, sucht sich raus, was ihr passt und wirft den Rest achtlos in den Dreck. Und mir als Historikerin tut das einfach so dermaßen in der Seele weh.

Die hier durch den Fleischwolf gedrehten Figuren sind historische Persönlichkeiten, die für die rumänische Geschichte und Kultur unglaublich wichtig sind. Die kann man doch nicht einfach hernehmen, verbiegen, wie man lustig ist und dann in einen 0815-Young-Adult-Romanceplot pressen. Kiersten White behauptet in Interviews gern mal, die rumänische Geschichte wäre ihr wichtig und sie hätte sich damit auseinandergesetzt, aber falls das stimmt, dann frage ich mich noch viel mehr, was da falsch gelaufen ist. Hier stimmt nichts. Absolut nichts. Und viel von diesem verschwurbelten Zeug ist nicht einmal wirklich ein Fehler, sondern eine bewusste Änderung der Tatsachen. Ist ja alternative Geschichte, da darf man das, richtig? Nein, darf man nicht. Ohne Sinn und Verstand historische Tatsachen verdrehen, weil man gerade Lust drauf hat und es dann einfacher wird, den Roman zu schreiben, ist so ein totales No-Go für Autoren von historischen Romanen, besonders, wenn es sich um bis heute wichtige historische Ereignisse handelt.

Ihr glaubt mir nicht? Na gut, hier habt ihr ein paar Beispiele: Fangen wir mal mit dem Namen der Protagonistin an. Sie heißt Lada und das soll eine Kurzform von Ladislav sein. Leute, man kann im Internet innerhalb von fünf Minuten rausfinden, dass Ladislav ein tschechischer Männername ist und kein rumänischer Frauenname, wie White behauptet. Lada hätte Vladislava heißen müssen, damit es richtig ist. Lada ist im Rumänischen sowieso überhaupt kein Name, sondern ein Nomen und bedeutet „Holzkiste“. Und da sieht man dann auch direkt, wie viel Respekt und Wissen die Autorin mitbringt, wenn ihr der Roman es nicht einmal wert war, den Namen ihrer Heldin vernünftig zu recherchieren. Aus dem moldawischen Prinzen Bogdan macht sie kurzerhand den Sohn einer rumänischen Amme, einfach weil. Den Namen der Mutter von Vlad Drăculea, Cneajna, ändert sie komplett, weil ihr das wohl zu schwer zu buchstabieren war, ich weiß es doch auch nicht. In Wirklichkeit waren Vlad und sein Bruder Radu sechs Jahre auseinander, in „And I Darken“ ist es nur ein Jahr. Einen guten Grund gibt White uns nicht. War wohl so einfach angenehmer für sie, ne? 

ICH BIN AMERIKANERIN, ICH DARF ALLES

Neben den historischen Fakten, die einfach überhaupt nicht stimmen, macht White aber noch etwas fiel Schlimmeres: Sie überträgt moderne amerikanische Werte auf diese mittelalterliche rumänische Gesellschaft, über die sie schreibt. Das Frauenbild zum Beispiel ist absolut US-zentrisch und vermittelt ein komplettes falsches Bild davon, wie die Rolle der Frau im Rumänien des 14. Jahrhunderts aussah. Ich glaube, es hackt. Wenn ich einen Roman darüber schreiben will, was sich geändert hätte, wäre Vlad Drăculea eine Frau gewesen, dann recherchiere ich doch zuerst mal das Frauenbild der Gesellschaft, aus der er stammte. Aber nee, absolut nicht notwendig, übertragen wir einfach das moderne Frauenbild auf die historischen Figuren, wird schon irgendwie passen. Nein, passt nicht.

Was auch nicht passt ist Whites Umgang mit Radu cel Frumos, seines Zeichens Halbbruder Vlads und ebenfalls ein wichtiger Regent, Politiker und Krieger Rumäniens. Whites Radu ist schwul und das ist auch ungefähr das einzig Positive, das ich an diesem Roman finden kann, denn das ist historisch korrekt. Whites Darstellung Radus aber schießt echt den Vogel ab. Dieser Radu ist ein weinerlicher zarter Junge, der nichts allein auf die Reihe bekommt und darauf vertrauen muss, dass Lada kommt und ihn rettet. Er ist schwach und kaum lebensfähig in dieser harten Realität des 14. Jahrhunderts – aber er ist gleichzeitig verdammt hinterhältig und intrigant. Leute, erstens war der historische Radu nicht so und zweitens frage ich mich, wieso es keinen stört, dass Radu ungefähr jedes Klischee, das wir so zu schwulen Männern in unserer Gesellschaft rumfliegen haben, in sich vereint. Repräsentation ist wichtig, aber dieser Radu ist keine Repräsentation. Er ist ein stereotypes Abziehbild, basierend auf allen negativen Klischees zu schwulen Männern, die White so eingefallen sind. Sechs, setzen.

Und dann ist da noch ihre Darstellung des osmanischen Reiches. Oh Mann. Wo fange ich da an? White beschönigt sehr viel, so kann man es vielleicht ausdrücken. Die Eroberung Europas durch die Osmanen stellt sie eben leider nicht als von Sklaverei und Unterwerfung geprägten Genozid dar und das ist ein riesiges Problem, denn genau das war das doch. Gleichzeitig setzt sie die mittelalterlichen Osmanen auch noch mit modernen Muslimen gleich und da hört es dann für mich ganz auf. „And I Darken“ vermittelt einige konsequent problematische Botschaften. Es steckt voller islamophober Spitzen und Darstellungen und das im politischen Klima unserer Zeit. Wieso ist das so veröffentlicht worden? Mehr kann ich dazu eigentlich gar nicht sagen, es wundert mich einfach so übel, dass jemand wirklich dachte, diese verzerrte Darstellung der muslimischen Figuren und des osmanischen Reiches seien auf irgendeine Weise in Ordnung und dann wundert es mich aber gleichzeitig nicht. 

Mehmed II., der junge osmanische Sultan, ist auch so eine Baustelle. White präsentiert uns Mehmed als hypersexuellen jungen Mann, der natürlich auch total hetero ist – das wäre kein Problem, wenn es nicht genug historische Quellen gäbe, nach denen Mehmed II. eben nicht so durch und durch heterosexuell war, wie White ihn darstellt. Daran scheiden sich natürlich die Historikergeister. Die einen schenken den Quellen gern Glauben, die anderen halten sie für bloße Gerüchte, da muss man jetzt nicht so genau drauf eingehen, das hat hier nichts zur Sache. Die Sache ist: Kiersten White kannte diese Quellen, sie hat sich ja schließlich entschieden Radu schwul sein zu lassen. Sie hat sich dann aber auch entschieden, von seiner wahrscheinlichen Beziehung mit Mehmed II. kein Wort zu erwähnen, und Mehmed II. stattdessen ausgerechnet hinter der fiktiven Lada her steigen zu lassen. Radu ist dann der gebeutelte schwule Märtyrer, der für seinen Freund Mehmed, in den er natürlich auch noch verliebt ist, immer ein offenes Ohr hat, ihm aber nicht sagen kann, dass er ihn liebt, weil Mehmed auf seine Schwester steht. Alter.

Falls jetzt wer nicht weiß, wieso das nicht cool ist: Kiersten White präsentiert uns hier eine klischeebelastete „verbotene“ Liebe zwischen dem großen Mehmed II. und einem Mädchen, das es nie gegeben hat, während sie Radu, der zumindest laut byzantinischen Quellen tatsächlich Mehmeds Liebhaber war, auf den Zuschauerposten verbannt, von wo aus er leidend zusehen muss, wie seine fiktive Schwester und der durch und durch heterosexuelle Mehmed anbändeln. Und alle so: Wow, was für tolle Repräsentation! Leute, übersehe ich da was? Seit wann ist eine schwule Figur, die in den besten Freund verliebt ist, ihn aber nicht haben kann und auch sonst ständig nur ins Unglück gestürzt wird, positive Repräsentation? Besonders, wenn der historische Hintergrund andeutet, dass eben jene historische Persönlichkeit sehr wohl mit der anderen verbändelt war, aber wer braucht historische Authentizität, wenn man stattdessen klassische gay angst und ganz viel Drama zusammenschustern kann? White nimmt hier ein wichtiges Stück europäischer Geschichte und bügelt es für ihr Jugendbuch so glatt, dass kaum etwas davon übrig bleibt. Nicht so gut. 

WENN DIE WALACHEI ZUM FANTASYLAND VERKOMMT

Eine Sache, die ich noch unbedingt ansprechen möchte, ist Lada als Hauptfigur. Unsere kleine Holzkiste wird nämlich als starke und feministische Heldin angepriesen, aber das ist sie nicht. Lada hasst andere Frauen. Sie ist brutal, kaltherzig und hat Freude daran, andere Menschen zu verletzen, ist nur auf ihren eigenen Vorteil aus. Sie will erst ihrem Vater und später Mehmed beweisen, was für eine tolle Kriegerin und Regentin sie ist und sie hasst alle anderen Frauen. Ihre Mutter, die von ihrem Vater schwer misshandelt wird, sieht Lada als dumm und schwach an. Alles typisch weibliche verachtet sie. Das ist kein Feminismus, das ist genau das Gegenteil. Zudem stellt White Lada eben übelst amerikanisiert dar: Amerikaner haben dieses Bild von Vlad Drăculea als bestialisches durchgeknalltes Monster und genauso zeichnet White ihre Lada, weil auch hier die Recherche einfach nicht ausgereicht hat. Es gelingt White nicht, Vlad Drăculea komplex und mit guten und schlechten Seiten darzustellen. Sie wird dieser so wichtigen und einflussreichen historischen Persönlichkeit einfach nicht gerecht.

Generell fehlt Kiersten White das Verständnis für die Gesellschaft und die politischen Verstrickungen Rumäniens im 14. Jahrhundert. „And I Darken“ macht immer wieder klar, dass sie diese Zeit und dieses Land, über das sie schreibt, einfach nicht versteht. Sie wendet moderne amerikanische Ideale und Konzepte auf ihre mittelalterlichen Figuren an, sie scheitert an historischen Fakten, die leicht zu recherchieren gewesen wären, sie verdreht die rumänische Geschichte, wie es ihr gerade passt und lässt es dabei absolut am nötigen Respekt vor der Kultur und der Geschichte eines fremden Landes fehlen. Und die meisten ihrer Leser werden das nicht einmal bemerken, weil sie die rumänische Geschichte nicht kennen. Sie nehmen „And I Darken“ als gut recherchierten historischen Roman hin, wenn er für mich eher das abschreckende Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte, darstellt. Und das ist nicht der Fehler von Whites Lesern, es ist der Fehler von Kiersten White: Sie präsentiert ihrem amerikanischen Publikum dieses verzerrte, vereinfachte und oft einfach verfälschte Bild der wohl wichtigsten Ereignisse der rumänischen Geschichte. Warum? Weil es nur Rumänien ist? Weil sie damit durchkommt, weil kaum jemand den richtigen Hintergrund kennt? 

Leute, wir können das nicht machen. Okay? Das geht so nicht. Wer über eine fremde Kultur schreiben will, ganz besonders, wenn es sich um wichtige historische Ereignisse handelt, der muss recherchieren und zwar viel und gründlich. Und wer darauf keinen Bock hat, der muss seine Idee halt zu den Akten legen. Ohne geht es einfach nicht, denn dann kommt so ein Mist wie „And I Darken“ dabei raus: Ein historischer Roman, der beinahe eine Beleidigung für die Kultur ist, in der er sich bewegt. Und dann hilft „Aber es ist alternative Geschichte!“ auch nichts mehr. Was für eine billige Ausrede. Was White hätte machen können, was sie hätte machen sollen, ist im Stil von Leigh Bardugo eine epische High oder Low Fantasy, die auf der rumänischen Geschichte passiert, schreiben. Das hätte den nötigen Abstand gegeben, um zu verhindern, was jetzt eben passiert ist: Kiersten White als Amerikanerin hat ein Buch geschrieben, das mit den wichtigsten Ereignissen der rumänischen Geschichte umgeht, als hätte sie keinerlei Respekt dafür übrig. 

Und genau so reagieren viele ihrer Leser: Für sie existiert Rumänien gar nicht wirklich, diese Walachei, die im Roman eine große Rolle spielt, ist für sie ein erfundenes Land in einem Low-Fantasy-Roman, den genau so schreibt White darüber. Und wie gesagt, es wäre besser gewesen, sie hätte wirklich einen Fantasyroman geschrieben. Sie hatte hier die Chance Lesern, die sich damit noch nie auseinandergesetzt haben, einen spannenden und komplexen Einblick in die wohl wichtigsten Ereignisse des rumänischen Mittelalters zu geben. Einen Blick auf Vlad Drăculea abseits von Dracula. Stattdessen präsentiert sie verdrehte historische Ereignisse und beinahe beleidigend vereinfachte politische Vorgänge, gespickt mit allerlei anderen wirklich problematischen Spitzen. Am Ende beweist White einfach, dass sie für Rumänien, das sie ja angeblich so sehr mag, keinen Funken Respekt übrig hat und, dass sie als Autorin nicht gut genug war, um einen vernünftigen historischen Roman zu schreiben. Wie gesagt, ich schreibe eigentlich ungern Rezensionen zu Büchern, die in Deutschland (noch) gar nicht erschienen sind, aber die hier musste sein. Betrachtet sie als Warnung. Empfehlung entfällt logischerweise.  

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