"Die Prinzen" von C.S. Pacat

Die Prinzen | Heyne, 2017 | 978-3-453-31820-5 | 864 Seiten | Deutsch | Australische OA: Captive Prince Trilogy, 2012-2016

Eigentlich ist der Kriegerprinz Damen der rechtmäßige Erbe von Akielos, doch dann gerät er in Gefangenschaft und wird in die Sklaverei verkauft – ausgerechnet an Laurent, den Kronprinzen des verfeindeten Königreiches Vere. Laurent ist eitel, arrogant und grausam, und er steht für alles, was Damen hasst. Doch noch während er Fluchtpläne schmiedet, lernt Damen Laurent besser kennen, und schon bald weiß er nicht mehr, was wichtiger für ihn ist: seinen eigenen Thron zurückzugewinnen oder Laurents scheinbar so eiskaltes Herz zu erobern ... (x

MEINE GEDANKEN

So. Wie rezensiert man jetzt bitte eine ganze Trilogie? Mal ehrlich, bevor ich hier anfange, muss ich mal was sagen: Der deutsche Buchmarkt hat es, was queere Literatur angeht, einfach irgendwie nicht drauf. Ich weiß nicht, ob er zurückhaltender ist, was das Thema angeht oder woran das liegt, doch während der englische Buchmarkt sich seit ein paar Jahren immer mehr für LGBTQ-Helden öffnet und große Verlage Büchern mit Helden, die eben mal nicht hetero sind, die Chance gibt, die sie verdienen, versandet das auf dem deutschen Markt alles total und läuft weiterhin unter Nische und, wenn man Glück hat, wird mal einer der englischsprachigen Topseller übersetzt. Und fällt dann, so wie "Die Prinzen", unter den Tisch. Band eins und zwei der Reihe sind bei Heyne bereits einzeln erschienen, aber anscheinend nicht so super gelaufen, sonst hätte Heyne sich wohl nicht entschieden, die eingekaufte Trilogie als Sammelband auf den Markt zu kloppen und Band drei gar nicht mehr als Einzelband zu veröffentlichen.

Und ich muss echt mal sagen, das kotzt mich an. In der englischsprachigen Welt war "Die Prinzen" ein ziemlicher Hit. Die australische Autorin C.S. Pacat hat den ersten Band 2012 im Selbstverlag herausgebracht und war damit so erfolgreich, dass große Verlage auf sie aufmerksam geworden sind und die Trilogie gekauft haben. Nur in Deutschland geht wieder nichts, weil das Buch sich zufällig um schwule beziehungsweise bisexuelle Helden dreht und das macht mich ziemlich traurig. Was läuft denn hier falsch? Sind deutsche Leser wirklich so weit hinterher, dass sie Romanen mit nicht-hetero Helden nicht über den Weg trauen? Sind es die Verlage, die sich sperren und nichts veröffentlichen oder die veröffentlichten Sachen dann dank fehlendem Marketing verlaufen lassen? Davon habe ich einfach nicht genug Ahnung, ich weiß einfach nicht woran das liegt, aber es ist wirklich nicht schön und man möchte, wenn man da den englischsprachigen mit dem deutschen Markt vergleicht, einfach leise weinen. Wahrscheinlich haben wir schon Glück, dass sich den Prinzen überhaupt ein großer Verlag angenommen hat, denn viele amerikanische und englische Bestseller mit queeren Hauptfiguren kommen überhaupt nicht in Deutschland an, obwohl der deutsche Markt doch sonst alles, was sich in Amerika halbwegs gut verkauft hat, einkauft und übersetzt. Tja. Kann man drüber denken, was man möchte. Aber jetzt los.

GEWALT, GEMETZEL, GEWAGT

"Die Prinzen", oder besser gesagt die drei Romane "Captive Prince", "Prince's Gambit" und "Kings Rising", gehören zu meinen Lieblingsromanen, seit ich den ersten Band irgendwann vor ein paar Jahren zufällig entdeckt habe, damals noch im Selbstverlag erschienen. Vorweg: Das hier ist keine Gay Romance. Es ist eine actiongeladene und schonungslos harte Low Fantasy, deren Helden eben zufällig nicht heterosexuell sind. Ich sage es am besten gleich vorne weg, weil das für viele Leser sicherlich ein Dealbreaker ist und ich das auch verstehen kann: C.S. Pacat schreibt wunderschön, aber ohne Rücksicht auf Verluste. "Die Prinzen" ist voll von Brutalitäten jeder Art, sexuelle Gewalt ist an der Tagesordnung und es spritzen auch mehrere Liter Blut. Ich finde aber persönlich, dass Pacat mit diesen Themen relativ gut umgeht. Die sexuelle Gewalt steht in Vere, dem Königreich Laurents, zum Beispiel ähnlich wie römische Gladiatorenkämpfe als Unterhaltung für Adelige auf dem Spielplan und damit will Pacat nicht etwa ausdrücken, das sexueller Missbrauch unterhaltend und harmlos ist, sondern, dass Vere ein verdammt korruptes, dekadentes und moralisch auf dem letzten Loch pfeifendes Reich ist, dessen Adel kein ethisches Empfinden hat. Und das funktioniert auch.

Der Roman wurde für seine schonungslose Schilderung von sexueller Gewalt stark kritisiert, was hier für mich aber der springende Punkt ist, ist dass Pacat nichts romantisiert oder verharmlost. Sie zeigt die vollkommen übersexualisierte und verrohte Gesellschaft von Vere und dann macht sie schon deutlich klar, dass das nichts Gutes ist und wir das nicht toll finden sollen. Es gab in den letzten Monaten sehr rasante Diskussionen um "Die Prinzen", in denen dieser Aspekt der Geschichte immer wieder im Mittelpunkt stand, weshalb ich jetzt auch etwas genauer darauf eingehe. Ja, "Die Prinzen" ist voll von kontroversen Themen: Sklaverei, Vergewaltigung, Missbrauch, Tod, da kommt man nicht drum rum, wenn man die Reihe lesen will und zumindest mir ist dabei auch mehrmals relativ schlecht geworden. Das Lachen bleibt einem hier echt öfters im Halse stecken. Aber, und das ist ein großes aber, hier wird nichts verharmlost und das ist mir persönlich wichtig. Im Gegenteil ist C.S. Pacats Umgang mit diesen Themen zwar brutal-deutlich, aber am Ende durchaus reflektiert. "Die Prinzen" ist mitnichten eine sexuelle Gewaltorgie ohne Hintergedanken, aber die Reihe scheut vor allen möglichen Brutalitäten dann eben auch nicht zurück.

Man kann sich natürlich an dieser Stelle mal darüber Gedanken machen, weshalb gerade ein Roman mit queeren Hauptfiguren so in den Fokus von Diskursen über sexuelle Gewalt in der Fantasy gerät, während die Romane das Gewaltlevel von zum Beispiel "Game of Thrones" auch nicht übersteigen und in der Fantasy auch sonst sehr viel missbraucht, gefoltert und getötet wird, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Es ist aber mal einen Gedanken wert, das nur am Rande. Es gibt natürlich Leute, die über solche Dinge gar nicht lesen wollen und das ist auch verständlich, daher nehmt das bitte auch ein Stück weit als Warnung mit: Wer in seinen Romanen keine Gewalt und schon gar keinen sexuellen Missbrauch lesen will, der sollte "Die Prinzen" überspringen. Man muss ja auch nicht alles gelesen haben und ich kann gut verstehen, dass ein Roman wie dieser nicht jedermanns Tasse Tee ist. Im ersten Band war es auch mir teilweise zu viel des Schlechten, aber das nimmt dann in den Folgebänden Gott sei Dank ab. In denen geht es aber auch viel um Krieg und Schlachten werden im Detail beschrieben, also ist auch dort einiges an Brutalität zu finden. Gewalt, Umgang mit Gewalt und dergleichen zieht sich als rotes Band durch die Trilogie, das ist halt so. Aber eben nicht einfach der Gewalt wegen, sondern durchaus reflektiert und nie ohne Sinn und Verstand.

INTRIGEN, INTRIGEN, INTRIGEN!

Jetzt möchte ich aber endlich zu all den Gründen kommen, aus denen "Die Prinzen" zu meinen Lieblingsromanen gehört. Pacats Weltenbau allein ist grandios. Sie erschafft eine glaubwürdige Welt mit komplizierten politischen Verstrickungen, Hintergründen und eigenen Kulturen, die teilweise im starken Kontrast zueinander stehen. Auf der einen Seite das moralisch verkommene und dekadente Vere, auf der anderen das kriegerische Akielos und drum herum noch viel mehr. Im Herzen ist "Die Prinzen" eine komplexe Court Intrigue und es geht auch wirklich viel um Politik, Machtansprüche und Intrigen. "Die Prinzen" ist also weder eine Gay Romance, noch ein Abenteuerrroman im klassischen Sinne. Im Mittelpunkt steht meist politisches Ränkespiel und darin ist Pacat Meisterin. Sie spinnt komplexe Intrigen und wer Freund und Feind ist, lässt sich selten durchschauen. Die Figuren sind einander am laufenden Band einen Schritt voraus und verlieren nie ihr Ziel aus den Augen, sie sind allesamt komplexe Persönlichkeiten, die sich aneinander reiben, hintergehen und manchmal aushelfen.

Das kann frustrierend sein, wenn man sich Romantik erwartet, aber wie alles an "Die Prinzen" ist auch die Liebesgeschichte, die durchaus prominent mitschwingt, alles andere als unkompliziert. Die Figuren tun sich Dinge an, die man eigentlich nicht verzeihen kann, doch sie wachsen über die drei Bücher hinweg stetig an ihren Aufgaben und über sich hinaus und legen Charakterentwicklungen hin, die so gut geschrieben und vorsichtig ausgearbeitet sind, dass sie voll und ganz überzeugen. Man muss sich denke ich aus dem Kopf schlagen, dass "Die Prinzen" auch nur irgendwie eine klassische Romanze ist. Die Trilogie ist sehr viel mehr politische Fantasy, Charakterstudie und spannender Weltenbau, in der eine komplexe Liebesgeschichte eben prominent mitschwingt. Fluff darf man sich auf keinen Fall erwarten, obwohl die schlagfertigen Dialoge einem doch nicht selten lächeln lassen und manchmal sogar laut lachen. Chemie ist auf jeden Fall da, aber eben auch sehr viel Balast, durch den die Figuren sich gemeinsam arbeiten müssen.

Was mich an "Die Prinzen" so fasziniert, ist die Komplexität der Intrigen und politischen Verwicklungen. Manchmal ist es schon etwas zu viel: Man kommt mit den Nebenfiguren durcheinander, besonders, wenn man die Bände nicht alle direkt nacheinander liest, aber das ist jetzt Jammern auf hohem Niveau, denn Pacat macht das unglaublich gut. Natürlich hat mir auch die sich langsam entwickelnde Beziehung zwischen Damen und Laurent gefallen, ganz besonders, weil Pacat sehr viel mehr auf Freundschaft, Vertrauen und eine brisante Chemie setzt, als auf schwülstige Romantik oder überstürzte Erotik. Pacat ist einfach eine unglaublich gute Autorin. Nicht nur stilistisch. Sie erschafft auch überzeugende Figuren und ihre Plots sind dicht, komplex und spannend. Immer wieder gibt es überraschende Wendungen, die man nicht erwartet, die aber im Nachhinein Sinn ergeben, immer wieder überschlagen sich die Ereignisse und neue Intrigen kommen ans Licht und ich bin besonders im dritten Band irgendwann in einen dauerüberraschten Zustand verfallen und musste das Buch über Nacht schnell auslesen, damit ich diesen Gesichtsausdruck endlich wieder los wurde:


Lange Geschichte ganz kurz: Die Trilogie ist einfach unglaublich gut. Sie ist hart, sie schreckt nicht davor zurück, ihre Leser zu schocken und sie greift Themen auf, die nicht immer leicht verdaulich sind. Die Romane überzeugen durch komplexe Figuren und ihre Beziehungen untereinander, unglaublich dicht geplottete Intrigen und Wendungen und bis zum Zerreißen ausgereizte Spannung, die selten abfällt. "Die Prinzen" ist eine geniale politische Fantasyreihe, dicht erzählt und sehr gut geschrieben und ich wünschte, der deutsche Buchmarkt hätte ihr eine größere Chance gegeben. Mit anderen Romanen des Genres kann "Die Prinzen" durchaus mithalten, wenn die Reihe nicht sogar um Längen besser ist. Es ist schade, dass viele Leser und Fans von politischen Court Intrigues, großer Fantasyschlachten und ähnlichen Romanen vor "Die Prinzen" zurückschrecken, weil die Helden nicht hetero sind, wirklich. Ihr verpasst was, Leute.

Empfohlen für: Fans von Court Intrigue und epischer Low Fantasy, denen im Genre die Diversity zu kurz kommt oder, die einfach eine dichte Low Fantasy lesen wollen, die nichts zu wünschen übrig lässt. Generell muss allerdings erwähnt werden, dass Pacat mit schwierigen Themen wie Gewalt, sexuellem Missbrauch und Sklaverei sehr offen umgeht und sie im Detail schildert, was für einige Leser vielleicht ein Trigger sein könnte. Ich finde die Trilogie genial, doch ich weiß, dass das Themen sind, die für viele Leute nicht in die Tüte kommen und egal wie gut die Reihe ist, falls ihr über so etwas nicht lesen wollt, seid bitte vorsichtig mit "Die Prinzen".

Teeempfehlung: Ein aufregender Rooibostee mit Hibiskus und ein bisschen Lakritze für den Überraschungsfaktor.

Kommentare

  1. Hallo Charlotte,
    ich freu mich gerade riesig, beim KBiS von Bücherkrähe doch tatsächlich jemanden gefunden zu haben, den "Die Prinzen" auch so begeistert! Zwar muss ich gestehen, dass ich tatsächlich erst durch den Sammelband darauf aufmerksam geworden bin, aber seitdem - bin ich hin und weg! Vor allem, weil das mal eine ganz normale Fantasygeschichte ist, nur eben mit zwei homosexuellen Protagonisten (worauf endlich mal kein größerer Wert als auf heterosexuelle Protagonisten in anderen Büchern gelegt wird). Deutschland scheint in dem Bezug wirklich hinter dem englischsprachigen Raum zurückzuhängen.

    Ich fand Damen beim Lesen als Charakter zwar etwas schwächer als Laurent, der so viele verschiedene Facetten zeigt, aber hey, das ist letztlich auch persönliche Einschätzung :D

    Liebe Grüße
    Sarah

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    1. Das freut mich zu lesen, dass dir die Bücher auch so gut gefallen haben! <3

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