"Zauber der Vergangenheit" von Jana Goldbach

Zauber der Vergangenheit | Impress, 2014 | 978-3-646-60042-1 | 282 Seiten | Deutsch | nur eBook

Es kann eigentlich gar nicht mehr schlimmer kommen, als zu der kostümierten Jahrhundertfeier von Tante Batty eingeladen zu sein und einen bonbonfarbenen Albtraum von Kleid tragen zu müssen. Doch da hat sich die siebzehnjährige Violet Harrison gründlich getäuscht. Noch schlimmer ist es nämlich, von der besagten Party direkt ins 18. Jahrhundert katapultiert zu werden und aus dem Kleid nicht mehr herauszukommen. Das macht die Anwesenheit ihres süßen Kindheitsfreundes Drew auch nicht viel besser, schon gar nicht, als der junge Herzog von Colesbury auftaucht und Violets Gefühlshaushalt ordentlich durcheinanderbringt. Da bleibt einem nur eins: ganz schnell wieder in die Gegenwart zurückzugelangen. Aber wie stellt man das an? (x)

MEINE GEDANKEN

Okay. Wo fange ich jetzt an? "Zauber der Vergangenheit" war eines der ersten Bücher, die Carlsens Impress-Imprint damals herausgebracht hat. Mittlerweile schmeißt Impress so oft neue eBooks auf den Markt, dass ich gar nicht so schnell gucken kann, wie wieder was veröffentlicht wurde, aber als Impress noch neu war, habe ich mich sehr für das digitale Imprint interessiert und mir ein paar interessante Titel direkt auf den Reader geladen, so auch "Zauber der Vergangenheit". Und dann habe ich es erstmal nicht gelesen. Oder eher gesagt: Ich habe es angefangen, weggelegt und erst Jahre später beendet. Man kann drum herum reden, aber komm, sagen wir's einfach mal, wie es sein muss: "Zauber der Vergangenheit" ist der drölfste deutsche Jugendroman, der gern Kerstin Giers "Rubinrot" sein möchte. Quirlige Ich-Erzählerin wird unverhofft durch die Zeit in den Barock katapultiert und muss damit klarkommen, dass sie in der Zeit gereist ist, während haufenweise pseudolustige Sachen passieren und eine ganze Horde Jungs sie umwirbt. Der Stil ist natürlich zuckerflockig, hat aber einfach nicht den Charme einer Kerstin Gier, ist leider so.

ZWISCHEN KOSTÜMFEST UND HISTORISCHEM BLÖDSINN

Dafür gibt es alles andere, was wir in "Rubinrot" so mochten: Die krass-verrückte Familie von Violet zum Beispiel, die in der Theorie immer für einen Lacher gut ist, in der Praxis aber irgendwie trocken und wenig originell daherkommt, allen voran Tante Batty, die totaaaal durchgeknallt und lustig ist, jedenfalls sagt das Violet, gezeigt kriegt man das nicht wirklich. Und weil Tante Batty so richtig wirklich durch ist, veranstaltet sie jedes Jahr ein Kostümfest, zu dem die Gäste in historisch authentischen Kostümen erscheinen müssen. Da fing es dann an. Ich meine, ich sage es besser gleich: Ja, ich bin kritischer, was historische Stoffe angeht, als die meisten Leser. Berufskrankheit, denke ich. Aber wenn das Buch sagt, Tante Batty ist total drauf aus, dass alles historisch korrekt ist und dann steckt sie Violet in ein Kleid, das im achtzehnten Jahrhundert kein Mensch getragen hätte, dann frage ich mich doch, ob der Autorin da selbst die Internetrecherche zu anstrengend war. Das ist das Kleid, in dem Violet sich totaaaal auf dem Kostümfest blamiert:

Das Kleid, das Tante Batty für mich ausgesucht hatte, entpuppte sich als Albtraum in pastellrosa. Es hatte überall Rüschen und aufgenähte Rosen. Zu allem Überfluss prangte auf der Höhe meines Hinterns die Stickerei eines turtelnden Schwalbenpärchens. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Frauen im 18. Jahrhundert so etwas am hellichten Tag in der Öffentlichkeit getragen hatten.

Nee, haben sie nicht. Haste Recht, Violet. Das Kleid hat übrigens auch einen Reißverschluss und ich hatte dann die Fragezeichen über dem Kopf. Also entweder Tante Batty ist total lustig und verrückt und möchte einfach eine Kostümfeier mit coolen Kostümen machen, oder Tante Batty will alles so historisch korrekt haben, dass sie sogar ihr Haus im historischen Stil umdekorieren lässt, aber beides zusammen gleichzeitig ist irgendwie widersprüchlich. Auch im achtzehnten Jahrhundert angekommen ist die beschriebene Mode sehr willy-nilly und wirkt einfach absolut nicht gut recherchiert. Das gilt leider auch für das Benehmen der historischen Charaktere und andere historische Fragen, die nach dem Motto "Wenn ich nicht zu sehr darauf eingehe, wird es schon keiner merken" abgehandelt werden. Ich möchte Jana Goldbach auf keinen Fall zu nah treten, denn ich weiß nicht, wie viel Arbeit sie in den Roman gesteckt hat und ob diese Arbeit am Ende einfach nicht so gut im Roman angekommen ist, wie sie sollte, aber meine Assoziation ist bei sowas immer, dass die Autoren vielleicht mal was in einem Historienfilm gesehen und es dann ohne nochmal nachzugucken aus der Erinnerung heraus beschrieben haben. Sollte man nicht machen und es ist schade, wenn Romane sich so lesen, als wäre genau das passiert.

Britisches Manteaukleid, ca. 1708
Was Violet hätte anhaben können/sollen
Aber das ist generell ein Problem, das ich mit vielen Zeitreiseromanen habe: Das Zeug ist einfach nicht richtig recherchiert. Für einen Zeitreiseroman muss man genauso viel, wenn nicht mehr, recherchieren, wie für einen historischen Roman. Wenn man darauf keinen Bock hat, kann man es einfach direkt sein lassen, aber ich habe immer wieder das Gefühl, dass Autoren Zeitreiseromane als so eine Art schlauen Ausweg sehen. Wenn es kein richtiger historischer Roman ist, muss ich auch nicht alles nachgucken! Fällt eh keinem auf! Das stimmt vielleicht auch irgendwo, dass das den meisten Lesern nicht unbedingt auffällt, aber mir ist es aufgefallen. Muss man sich nicht so lange drüber aufregen, schon klar, mache ich aber trotzdem. Zeitreiseromane funktionieren für mich einfach nicht, wenn die Vergangenheit, in die die Hauptperson geworfen wird, sich künstlich und schlecht recherchiert anfühlt. Da ist dann für mich alles direkt gelaufen.

NICHTS NEUES, NICHTS AUFREGENDES

Es geht dann leider auch so weiter. Kaum im Jahr 1707 angekommen, wird Violet auf einem Ball erstmal für eine Hexe gehalten und vor den Hausherren, einen Lord Anthony Clark, gezerrt. Ich meine, ja, wenn ich mich mit der Epoche nicht auskenne, nehme ich das vielleicht so hin, aber ich glaube, jeder Leser und jede Leserin von historischen Romanen verdreht da direkt die Augen. Punkt Eins: Als würden sich Adelige untereinander einfach so auf Bällen anklagen, Hexen zu sein. So hat die Hexenverfolgung nicht funktioniert, ganz davon zu schweigen, dass 1707 in England für Hexenhysterie schon reichlich spät ist. 2) Lord Anthony Clark sitzt aus Gründen, die ich nicht näher erläutert bekomme, in seinem Arbeitszimmer und liest bei Funzellicht irgendwelche Dokumente, anstatt auf seinem eigenen Fest zu tanzen oder sich wenigstens mal sehen zu lassen. Als hätte er sich das gesellschaftlich leisten können! Das ist einfach nicht realistisch, diese ganze erste Szene im Jahr 1707, und hat für mich deshalb auch einfach nicht funktioniert. Alles wirkte einfach sehr konstruiert und erzwungen, weshalb mir das historische Setting null Spaß gemacht hat.

Aber jetzt wollen wir die Rezension mal nicht komplett zum Exkurs zu Zeitreiseromanen und Recherche verkommen lassen, es gibt noch viele andere schöne Sachen, die mir nicht gefallen haben. Zum Beispiel, dass Violet sich über die Gepflogenheiten des achtzehnten Jahrhunderts am laufenden Band lustig macht. Die Mode sieht so albern aus und wie die reden und was die für Blödsinn glauben, hahaha. Auch das ist so ein Ding, das mir im Zeitreiseroman immer wieder negativ auffällt. Dass die Welt, in die Violet hier hineingerät, für sie etwas Fremdes und Neues ist, wohl auch sehr befremdlich, ist klar. Aber kann man das nicht anders darstellen? Violet ist einfach durchgehend negativ und das achtzehnte Jahrhundert ist ihr auch durchgehend feindlich gesinnt und verkommt dann irgendwann zum gefährlichen Spießrutenlauf, weil alle Violet plötzlich etwas Böses wollen und darüber hinaus ist der Plot sehr dünn. Es passiert einfach nicht viel auf fast 300 Seiten und schon gar nichts, was wir nicht schon einmal gesehen haben.

Die Plottwists kann man leider auch nur mit viel gutem Willen so nennen. Die meisten sind sehr vorhersehbar und besonders am Ende kann man sich oft denken, was als Nächstes passieren wird, Spannung kommt selten auf. Es fehlt irgendwie einfach das gewisse Etwas, der Kick, der den Roman besonders macht und von anderen Zeitreiseromanen abhebt. Aber der kommt nie. Auch das Liebesdreieck zwischen Violet, ihrem Kindheitsfreund Drew und Anthony fand ich unnötig und nicht besonders originell. Man kennt das halt alles schon und man hat sich auch schon achtzig Mal zuvor darüber geärgert und hier kommt es dann auch nicht besser an. "Man kennt das halt alles schon" lässt sich leider auf den gesamten Roman anwenden. Alle Handlungen, Wendungen und Geheimnisse hat man so oder sehr ähnlich schon in anderen Zeitreiseromanen gesehen und es fehlt einfach der eine Twist, der "Zauber der Vergangenheit" originell und lesenswert macht.

Den Schreibstil der Autorin fand ich ganz angenehm zu lesen, fand aber, dass sie ihren eigenen Humor oft selbst ausgebremst hat. Der Roman bietet mehrere gute Vorlagen für charmanten Witz, aber die hölzernen und konstruierten Dialoge und Violets Gedanken kommen da ziemlich oft in die Quere und man sieht den Witz regelrecht angelaufen kommen, auf den letzten Metern hinfallen und nicht wieder aufstehen. Violets Gedanken und Entscheidungen waren leider auch nicht immer nachvollziehbar, weshalb ich mich oft über sie geärgert habe. Alles in allem war "Zauber der Vergangenheit" halt ein Buch. Vieles hat mir nicht gefallen, aber großteils hatte das alles denselben Grund: Der Roman wirkt unausgegoren. Der Plot ist nicht so gut ausgearbeitet, wie er sein könnte, der Stil und der Humor hätten noch ein bisschen Schrauberei gebrauchen können, die Recherche ist ebenfalls auf der Strecke geblieben und sorgt dafür, dass das historische Setting nicht funktioniert. Da fehlt es einfach an allen Ecken und Enden an ein bisschen mehr Substanz. Schade.

Empfohlen für: Wer von Zeitreiseromanen im Stil von Kerstin Gier und Eva Völler nicht genug bekommen kann, kann es sicherlich mal mit "Zauber der Vergangenheit" versuchen. Für richtige Genrefans könnte der Roman für zwischendurch geeignet sein, wenn man sich vorher klar macht, dass man hier keine originellen Wendungen und detailverliebt beschriebenen historischen Settings vorgesetzt bekommt. Man kann den Roman durchaus lesen, klar, aber es ist nichts an ihm, das ihn wirklich lesenswert macht. Versucht es mit dem Roman, falls ihr Lust auf ihn habt, aber erwartet euch nicht allzu viel.

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