"Der Prinz der Elfen" von Holly Black

Der Prinz der Elfen | cbt, 2017 | 978-3-570-16409-9 | 416 Seiten | Deutsch | Amerikanischer OT: The Darkest Part of the Forest, 2015

Die Geschwister Hazel und Ben leben in dem Ort Fairfold, der an das magische Elfenreich grenzt. Seit Jahrzehnten steht dort, mitten im Wald von Fairfold, ein gläserner Sarg, in dem ein Elfenprinz schläft – von Touristen begafft und von der Bevölkerung argwöhnisch beäugt, auch wenn Hazel und Ben die alten Geschichten nicht glauben. Seit Kindertagen fühlen sie sich zu dem schlafenden Jungen magisch hingezogen, ihm vertrauen sie alle ihre Geheimnisse an. Inzwischen ist Hazel 16 und küsst immer neue Jungs, um die Leere in ihrem Herzen zu füllen. Doch als eines Tages der Sarg leer ist und der Prinz erwacht, werden die Geschwister in einen Machtkampf der Elfen gezogen. Hazel muss die Rolle annehmen, in die sie sich als Kind immer geträumt hat: als Ritter gegen ein dunkles Monster kämpfen … (x)



MEINE GEDANKEN
Okay, was war denn das jetzt? Eigentlich gehört Holly Black ja zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen, aber "Der Prinz der Elfen" war mal wirklich ein totaler Flop. Im Nachwort zum Roman sagt Black selbst, dass sie Probleme hatte, diese Geschichte so zu schreiben, wie es ihr vorschwebte und irgendwie merkt man das auch ziemlich deutlich. Wirklich schade, denn die Idee ist ziemlich grandios, so, wie man es von Holly Black eben gewohnt ist. Aber die Umsetzung ist halt dann doch ein Reinfall. Der Roman funktioniert einfach nicht, zumindest nicht für mich. Er will wohl irgendwie märchenhaft-makaber sein, streicht einem das aber so dick auf's Brot, dass es einem direkt zu den Ohren rauskommt und dann macht sehr viel auch überhaupt keinen Sinn. "Der Prinz der Elfen" spielt in einer alternativen Realität, in der es Fairfold gibt, eine kleine Stadt in den USA, in der die Bewohner hinnehmen, dass im Wald gefährliche Feen leben. Es kommen sogar Touristen, um sich die Feen anzusehen und im Wald steht der berühmte Glassarg, in dem seit Jahrzehnten der mysteriöse Junge schläft. Klingt geil, sehr geil sogar, war's dann aber nicht. 

FEEN, MORDENDE KINDER & BLASSE CHARAKTERE

Ich liebe Feenromane, besonders makabere, weshalb ich mir sicher war, dass ich auch dieses Buch lieben würde. Aber nichts war. Die gute Idee ist auch schon alles, was am Ende übrig bleibt. "Der Prinz der Elfen" ist sehr viel Kitsch und Tand und Blendwerk und Dekoration, aber sehr wenig Substanz und Inhalt. Man muss sehr viel hinnehmen und nicht zu viel darüber nachdenken, was da so im Roman passiert, um wenigstens ein bisschen Freude daran zu finden. Zum Beispiel bekommt man direkt zu Anfang aufgetischt, dass Hazel und Ben als Kinder mit einem Schwert im Wald auf Feenjagd gegangen sind. Trotzdem sind beide in der Gegenwart ganz normale Teenager, bei denen das ganze blutige Feengemetzel ihrer Kindheit anscheinend überhaupt keine Spuren hinterlassen hat. Ich meine, hallo? Da ziehen zwei Kinder wochenlang los und töten im Wald auf brutalste Art und Weise Feen, aber entwickeln sich dann trotzdem zu ganz normalen Jugendlichen? Nee, ist klar. Ich bin schon da mit dem Augenrollen teilweise nicht hinterher gekommen, sowas ist mir einfach zu doof. Wer soll denn das glauben?

Es spielt allerdings leider in ein größeres Problem rein, das der Roman hat und zwar, dass die Figuren allesamt blass bleiben und keinesfalls gut ausgearbeitet sind. Hazel und Ben sind leere Hauptfiguren, beide mit einer einzigen auszeichnenden Eigenschaft (Ben ist Musiker, Hazel ist die mutige Feenmörderin) und die ganzen Nebenfiguren sind so unglaublich wenig ausgegoren, dass ich mir weder Namen, noch Charaktereigenschaften lang genug merken konnte, um sie hier in der Rezension zu erwähnen. Gewalt, Leid und Traumata hinterlassen bei diesen Figuren überhaupt keine Eindrücke. Sie nehmen auch im Laufe der Handlung sehr viel hin ohne mit der Wimper zu zucken und reagieren oft sehr merkwürdig, selten wie echte Menschen. Als sich zum Beispiel plötzlich die ganze Stadt gegen einen Freund von Hazel und Ben wendet, weil er eine Fee ist, was allen von Anfang an bekannt war, ergibt das überhaupt keinen Sinn. Heute morgen akzeptieren ihn alle noch so, wie er eben ist, dann hört man, dass die Feen als Kollektiv was Schlimmes gemacht haben und plötzlich haben alle solche Angst vor einem Jungen, den sie sein ganzes Leben lang kennen, dass sie ihn am liebsten aus der Stadt vertreiben würden.

Es ist einfach irgendwie unrealistisch und sehr schwarz-weiß. Es gibt hier selten Nuancen oder auch nur ein paar sinnvolle Überlegungen zu dem, was passiert. Es ist einfach schwer irgendetwas nachzufühlen, weil hier niemand wirklich etwas fühlt und, weil die meisten Reaktionen der Figuren einem mit dem Holzhammer vor die Stirn geknallt werden und oft maßlos übertrieben wirken - oder auch komplett fehlen. Jemand wurde von einer Fee getötet? Okay, reicht für ein Schulterzucken. Es gibt zwei Liebesgeschichten, eine für Hazel, eine für Ben, die genauso langweilig und blass daherkommen wie der Rest und am Ende will "Der Prinz der Elfen" ein düsterbunter Feenroman sein, bleibt trotz all der originellen Ideen aber eine sehr durchschnittliche Urban Fantasy, die man leicht vergisst, was großteils an den Figuren liegt und daran, dass hier einfach die Grauzonen fehlen. Holly Black lässt einen sehr selten unter die Oberfläche tauchen und deshalb geht sehr viel Substanz verloren, für die das Potential durchaus da gewesen wäre. Ich rechne Holly Black natürlich hoch an, dass sie "Der Prinz der Elfen" divers gestaltet hat. Es gibt einige LGBTQ-Figuren und auch Figuren, die nicht weiß sind, aber eben weil die Figuren alle so wenig ausgearbeitet sind, bleibt auch das am Ende auf der Strecke. 

SEVERIN, SEVERIN 🎶

Jetzt mal zu unserem titelgebenden Elfenprinz, denn mit dem geht die Handlung dann so richtig den Bach runter. Der Elfenprinz wacht auf, wie es der Klappentext ja auch bereits verspricht, und dann kam ich aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus. Severin, so heißt der Prinz nämlich, benimmt sich wie ein ganz normaler moderner Teenager. Er ist ein Feenprinz und hat Jahrzehnte schlafend in einem Glassarg verbracht, aber kaum ist er draußen, hat er sich anscheinend auch schon perfekt an seine neue Umgebung angepasst. Ja, nee. Schneewittchens Severins gesamte Hintergrundgeschichte ergibt, wie ich es an diesem Punkt von dem Roman schon gewohnt war, herzlich wenig Sinn. Ich will nicht zu viel verraten, aber Holly Black bedient sich hier an der Legende rund um den Erlkönig. Fand ich nicht gut gemacht, sagen wir es so. Ich mag es generell nicht, wenn amerikanische Autoren europäische Legenden nehmen und einfach mal so ohne irgendeinen Grund nach Amerika verlegen. Das hat für mich immer diesen Beigeschmack von: "Ja, die Sage finde ich cool, aber alles, was außerhalb der USA liegt ist mir nicht wichtig genug, um es zu recherchieren."

Mal im Ernst: Muss das echt immer sein? Muss jedes Buch in den USA spielen? Besonders, wenn die Sagen anderer Länder so eine große Rolle für die Geschichte spielen, könnte man doch mal ein anderes Setting recherchieren und nutzen, aber anscheinend halt nicht. Ich fände es so großartig, wenn amerikanische Autoren mal über den Tellerrand schauen und Romane in anderen Ländern außerhalb der USA spielen lassen könnten, ganz besonders, wenn sie sich an den lokalen Sagen bedienen. Das würde die Jugendbuchlandschaft um so vieles spannender machen, aber das ist anscheinend einfach nicht drin. Somit ist "Der Prinz der Elfen" eben wieder so ein Buch, das mit Macht in den USA spielt und komplett ohne Erklärung europäische Fabelwesen durch Amerika geistern lässt. Und bei diesem Roman passt es auch einfach nicht zusammen, weil das Ganze nicht ausreichend durchdacht wirkt. Als hätte man den Erlkönig mit der Luftpost eingeflogen und jetzt sitzt er halt da und weiß selbst nicht so recht, wie ihm ist.

Severin hat also einen deutschen Hintergrund, was seinen Namen erstmal erklärt. Mir hätte das an dieser Stelle so gereicht. Aber dann kommt diese eine Stelle im Roman, an der Hazel "ein altes Lied" im Radio hört und dieses Lied ist "Venus in Furs" von The Velvet Underground (Severin, Severin, speak so slightly und so), das seinerseits auf dem Roman "Venus im Pelz" von Leopold von Sacher-Masoch basiert, dessen Protagonist eben Severin heißt. Wir merken: Holly Black will uns was mitteilen! Geht aber leider auch irgendwie schief und wirkt so billig gemacht. Es ist natürlich überhaupt kein Verbrechen seine Figuren nach Liedern zu benennen, die man gern hört, aber muss man das dann noch so in den Roman holzhämmern? "Hier, guckt mal, wenn ihr schlau seid, findet ihr raus, was meine Inspiration war!" Okay. Ganz davon zu schweigen, dass ich einen Querverweis auf einen Erotikroman (auch das Lied geht in die Richtung) in einem Jugendbuch über Feen äußerst merkwürdig und fehlplatziert finde. Aber das ist einfach ein Sinnbild für den ganzen Roman: Viel gewollt, sehr wenig nachgedacht, noch weniger ausgebaut oder gar vernünftig ausgearbeitet.

Auf mich wirkt "Der Prinz der Elfen" irgendwie hingeschludert und roh, noch nicht ganz fertig. Das Pacing stimmt auch nicht. Die Handlung wird immer wieder von langen Flashbacks unterbrochen und die Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart passt einfach nicht. Die eigentliche Geschichte beginnt viel zu spät und der Antagonist tritt so spät und plötzlich auf, dass es irgendwie hinterhergeschoben wirkt, als hätte die Autorin gemerkt, dass da noch ein spannendes Finale fehlt. Irgendwie wirkt der Roman auf mich wie ein unvollständiger erster Entwurf, der ruhig noch eins, zwei Mal hätte überarbeitet werden können. Und ich denke, ich kann das auch selbstbewusst so sagen, denn Holly Black sagt ja selbst, dass sie mit dem Roman Schwierigkeiten hatte. Man merkt's halt. Viel passt nicht aneinander, als hätte Black viel gewollt, aber nicht gewusst, wie sie die einzelnen Stücke aneinandersetzen soll. "Der Prinz der Elfen" will märchenhaft und düster sein, anders, skurril... am Ende ist der Roman aber einfach eine ganz gewöhnliche Urban Fantasy mit Romanze und noch dazu eine mittelmäßige. Schade.

Empfohlen für: Holly Black Fans ab 12 Jahren könnten mit dem Roman durchaus ihren Spaß haben, wenn sie sich vorher darüber bewusst werden, dass es einfach nicht ihr bester Roman ist. Für  Fans von Feenromanen oder von märchenhafter Fantasy dürfte der Roman eher ein mittelmäßiges Leseerlebnis werden, allerdings ist es die Art von Buch, bei der ich jedem, der Interesse hat, raten würde, sich ein eigenes Bild zu machen. Der Roman hat viele Fans. Ich gehöre nur leider nicht dazu.

Kommentare

  1. Hallo Charlotte,
    oh, das war ja dann wohl für dich ein kompletter Fehlgriff.
    Ich habe das Buch auch zuhause, als eBook und ich bin gespannt wie es mir gefällt.
    Wenn ich meine Rezension geschrieben habe, würde ich deinen Beitrag gerade darin verlinken.
    Ich finde nämlich deine ausführliche Beschreibung sehr schön.
    Bleibe dir auch gerne als Leserin erhalten.
    Lg Lea

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Lea! Danke für den lieben Kommentar. Dass du die Rezi verlinken willst, freut mich sehr! Ich hoffe, dass dir das Buch besser gefällt als mir, viel Spaß damit. :)

      Löschen
  2. Huhu :)

    Meine Rezension ist leider ähnlich ausgefallen, obwohl ich mich sehr auf das Buch gefreut hatte. Der Funke wollte leider nicht wirklich überspringen und ich hatte auch mit dem Schreibstil so meine Probleme. Auf jeden Fall eine sehr tolle, ausführliche Rezi von dir :) Ich bleibe sehr gerne als neue Leserin!

    Liebe Grüße,
    Lisa von Prettytigers Bücherregal

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Deine Rezi muss ich mir direkt mal angucken! :D Und danke für das Lob. <3

      Löschen