Teegedanken: Das Problem mit den toxischen Inhalten in unserer Literatur

Foto: Toa Heftiba
Ich wollte mich aus dieser Debatte eigentlich raushalten. Doch schon seit Nina Hasses Post zu Pseudoromantik in der Literatur beschäftigt sie mich und jetzt, da die Diskussion einmal mehr hochkocht, möchte ich auch - kurz - Stellungsnahme dazu beziehen, denn es ist ersichtlich geworden, dass sie nicht so bald vorbei sein wird. Und das finde ich auch wichtig. Denn sie kommt ja nicht umsonst zu einem Zeitpunkt, zu dem unsere Gesellschaft sich endlich im Allgemeinen mehr mit Problematiken wie Missbrauch oder dem Ausnutzen von Machtpositionen, siehe Hollywood, auseinandersetzt. Warum sage ich jetzt was, obwohl es schon hunderte vor mir getan haben? Weil mir das Thema wichtig ist. Sehr wichtig sogar, so wie mir viele Themen wichtig sind. Ich prangere zum Beispiel auch Homophobie in Romanen oder Rassismus auf diesem Blog immer wieder an und ich bin es mittlerweile gewohnt, dass auf meine Bedenken mit einem Augenrollen und einem "Das ist doch alles nicht sooo schlimm" geantwortet wird, aber ich werde trotzdem weiter darauf hinweisen, wenn mir Romane homophobe und rassistische Inhalte - oder eben misogyne und toxische Romantikbilder - unterschieben wollen. Ich bin an einem Punkt, an dem ich das nicht mehr mit "Aber der Rest des Romans war doch so gut" abtun kann. Und deshalb auch dieser Post.

EIN VORWORT: WAS ICH WILL, WAS ICH NICHT WILL
CW: Ich spreche in diesem Artikel über sexuellen Missbrauch

Vorweg möchte ich eines klar stellen: Ich habe jetzt in mehreren Posts zur Diskussion und auf Twitter Stimmen gelesen, die sich auf die Füße getreten gefühlt haben, weil das Lieblingsbuch unter den genannten "problematischen" Büchern zu finden ist. "Was darf man denn jetzt überhaupt noch lesen?" und "Das ist doch Zensur!" habe ich jetzt so oft gelesen, dass ich die Stimmen noch im Schlaf höre. Aber mal ehrlich: Kritik an Romanen äußern, auch kontroverse, gesellschaftliche Kritik, ist keine Zensur. Niemand möchte irgendwem verbieten, seine Lieblingsbücher zu lesen, zu kaufen und zu hypen. Aber das Lustige an der Meinungsfreiheit, die auch schon öfter als Argument herangezogen wurde, ist halt, dass auch unangenehme Kritik gesagt werden darf. Ob ihr sie teilt oder nicht - am Ende völlig egal. Aber meine Kritik an einem Buch ist kein Aufruf zum Verbot oder zum Boykott. Und ich habe genug Beiträge zum Thema gelesen, um mir sicher sein zu können, dass niemand ein Verbot von bestimmten Themen in Büchern haben möchte. Trotzdem kann ich sagen, dass ich wünschte, dass diese Inhalte aus Romanen verschwinden würden. Ich habe hier auf dem Blog schon oft gesagt, dass ich "so etwas in meinen Büchern nicht mehr sehen will". Und damit meine ich kein Verbot, damit meine ich, dass wir als Gesellschaft soweit vorankommen, dass toxische Inhalte aus Büchern mit der Zeit von allein verschwinden. Davon kann man jetzt halten, was man möchte, aber ich denke, es ist kein Verbrechen, sich mit unterdrückenden Mustern in Literatur auseinanderzusetzen und sich zu wünschen, dass sie irgendwann verschwinden.

Ein anderes Muster, das ich schon öfter bemerkt habe, ist "Ich sehe die Probleme persönlich nicht, deshalb sind sie auch nicht da". Aber besonders in der Diskussion um Erin Watts' "Paper Princess"-Reihe sind in der deutsch- und in der englischsprachigen Buchbloggerwelt mittlerweile so viele Stimmen laut geworden, die detaillierte Rezensionen verfasst und erklärt haben, wo sie das Problem mit der Reihe sehen. Diese Stimmen mit einem "Aber ich sehe das nicht so, also ist es auch nicht so" wegzuwischen, finde ich zu einfach. Besonders, wenn einem ein Buch gefällt, ist man gewillter über vieles hinwegzusehen. Und manchmal fehlt einem vielleicht auch einfach (noch) der Kontext, um problematische Muster zu erkennen, was auch gar kein Problem ist, denn man kann nicht alles wissen. Aber ich wünschte einfach, da würde mehr hingehört werden, wenn viele Leute ein Buch kritisieren, egal, wie sehr man es selbst mag. Geständnisrunde: Ich mag Stephenie Meyers "Twilight". Habe ich, seit das erste Buch erschienen ist, werde ich wohl auch immer. Trotzdem sehe ich die problematischen Beziehungsmuster, die ignorant-rassistischen Darstellungen der Quileute und dergleichen. Es ist möglich, etwas zu mögen und sich trotzdem einzugestehen, dass es problematische Tendenzen aufweist. Niemand erwartet, dass jetzt irgendjemand sein Lieblingsbuch in den Papiermüll gibt, weil es ungesunde Beziehungsmuster aufweist. Aber Kritik äußern, auch harsche Kritik, muss erlaubt sein - und das ohne Zensurvorwürfe oder gar persönliche Beleidigungen. 

RAPE CULTURE UND VERWISCHTE GRENZEN

Aber wo liegt denn jetzt eigentlich das Problem? Man muss eins unbedingt im Kopf behalten: Bücher existieren genauso wenig in einem Vakuum, wie wir, die Leser. Wir leben in einer Gesellschaft, in der große Tiere in Hollywood ihre Machtpositionen ausnutzen können, um sexuell zu missbrauchen und ihre Opfer kleinzuhalten. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Opfern und Überlebenden von sexueller Gewalt noch immer die Schuld daran gegeben wird, was ihnen passiert ist, in der sie oft als Lügner bezeichnet werden. Eine Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen "Ja" und "Nein" mit Absicht verwischt werden. Und in dieser Gesellschaft existieren eben auch Romane, in denen die Grenzen zwischen "Ja" und "Nein" verwischt sind und tolle, starke "Bad Boys" ihre Machtposition gegenüber Frauen - und in der YA über Mädchen - ausnutzen. Und das ist "Rape Culture": Eine Gesellschaft, in der sexuelle Gewalt etwas so normales ist, dass es gar nicht weiter auffällt. Ich habe in den letzten Tagen bemerkt, dass der Begriff "Rape Culture" bei vielen auf Unverständnis stieß, also hier nochmal zum Verständnis klar definiert: Rape Culture bedeutet eine Gesellschaft, in der sexuelle Gewalt, slut shaming oder auch Objektifizierung durch gesellschaftliche Geschlechterrollen und -muster so sehr normalisiert sind, dass sie nicht als problematisch erkannt werden. Und genau das ist doch das Problem, das wir hier besprechen.

Gerade im Jugendbuch ist das ein Problem, weil diese Muster als romantisch und erstrebenswert dargestellt werden. Als erwachsene Frau kann ich erkennen, dass sie das nicht sind. Aber wie soll eine Vierzehnjährige, die noch keinerlei eigene Erfahrungen sammeln konnte, das erkennen? Woher soll sie wissen, dass die Beziehungen, die ihr als romantisch präsentiert werden, weder normal, noch gesund sind? Dass es nicht okay ist, eine Vergewaltigung als nicht so schlimm darzustellen, weil "er sie ja so liebt und so eine schlimme Kindheit hatte" ("Der Märchenerzähler", Antonia Michaelis), oder Sex mit einer Person im Drogenrausch zu haben, die keinen Konsent geben kann ("Paper Princess", Erin Watt) oder, dass es nicht romantisch ist, wenn der Love Interest der Heldin sagt, er würde sie jetzt gern vergewaltigen, aber hält sich ihr zur Liebe zurück ("Dornen und Rosen", Sarah J. Maas). Es muss auch gar nicht so hart sein. In "Aranea Hall" von Susanne Gerdom zum Beispiel lernt die Heldin ihren Bad Boy kennen, indem er sehr sexuelle Anspielungen über ihren Körper macht. Das findet sie nicht okay, aber er ist ja sooo heiß, also wird's schon passen. Sie ist übrigens fünfzehn. Und dann kann man natürlich sagen: "Ja, das ist aber nicht die Verantwortung der Autoren, sondern von Eltern und der Schule" und das finde ich eine gefährliche Einstellung. Wenn ich ein Jugendbuch schreibe, habe ich meinen jugendlichen Lesern gegenüber absolut und immer eine Verantwortung. Da führt gar kein Weg drum herum.

Ich kann im Jugendbuch nicht einfach machen, was ich will und die Verantwortung dafür auf die Eltern abwälzen, die dem jugendlichen Leser dann schon beibringen werden, dass das, was ich da als romantisch dargestellt habe, in Wahrheit ungesund und toxisch ist. Ich habe zum Beispiel den "Märchenerzähler" von Antonia Michaelis mal auf einer Buchplattform besprochen und die mehr als lapidar dargestellte Vergewaltigung der Heldin durch ihren Love Interest angekreidet - eine Sechzehnjährige sagte mir daraufhin, ich müsste noch niemals wirklich verliebt gewesen sein, sonst würde ich wissen, weshalb die Heldin dem Helden diesen psychisch und körperlich so schwerwiegenden Übergriff verzeiht. Und das ist, was passiert, wenn AutorInnen ihre Verantwortung ihren jungen Lesern gegenüber nicht ernst nehmen. Wenn sie Machoverhalten, Bevormundung durch den Partner und sogar sexuellen Missbrauch als Beweis für wahre Liebe darstellen. Dazu kommen natürlich die Mikroagressionen, die nicht weniger schädlich sind. Misogyne Einstellungen gehen mit diesem Problem Hand in Hand.

Oft ist die Heldin nämlich das einzige Mädchen, das im Roman positiv dargestellt wird. Alle anderen sind weniger wert, haben weniger Recht auf Respekt. In Watts' "Paper Princess" behandeln die Royalbrüder Mädchen wie Gegenstände, über die sie abfällig reden und die sie - teils ohne das Wissen der Mädchen - untereinander tauschen. Heldin Ella findet es zwar nicht okay, dass die Zwillinge sich als der andere ausgeben, um mit ihren gegenseitigen Freundinnen zu schlafen (Eine Situation, in der übrigens ebenfalls kein Konsent gegeben werden kann! Wenn ich nicht weiß, wem ich wirklich Konsent gebe, ist es keiner!), doch sie tut nichts, sie lässt das geschehen, steht für andere Mädchen nicht ein und am Ende sind die Brüder ja auch sooo anziehend, trotz allem. Das ist es, was ich kritisiere: Die Normalisierung von missbrauchendem Verhalten, von misogynen Weltbildern und von sexueller Belästigung. Jugendbücher und auch New Adult, wo der Übergang eh oft fließend ist, suggerieren uns - und vor allem noch unerfahrenen jugendlichen Lesern - leider immer wieder, dass es normal - und okay - ist, wenn sich der Angebetete wie ein Idiot benimmt, uns bevormundet, weil er uns ja liebt, uns vielleicht sogar wehtut. Dass Beziehungen eben so sind: Dass einer das Sagen hat und tut, was er will, dass Liebe so funktioniert. Und das sollte aufhören.

EIN NACHWORT: DENKT MIT!

Wie gesagt, ich möchte niemandem verbieten, bestimmte Bücher zu lesen. Ich möchte niemandem vorschreiben, was er gut finden darf und was nicht. Alles, was ich mir wünsche, ist ein Verständnis dafür, wie viel Schaden solche Muster in Romanen, besonders im Jugendbuch, anrichten könnten. Dass diese Normalisierung von Gewalt und Missbrauch, von Misogynie und Machtungleichheit in Beziehungen ein Problem ist, auch in Büchern, die wir mögen. Weil sie nicht in einem Vakuum existiert: Weil sie nur unterstreicht, was in unserer Gesellschaft im echten Leben schief läuft und das seit Jahrzehnten. Dabei hat die Literatur die Möglichkeit, gegen solche Muster anzugehen. Und viele Jugendromane der letzten Jahre tun das auch. Doch zu viele bedienen weiterhin diese Muster, die jungen, meist weiblichen Lesern, suggerieren, dass Gewalt, Bevormundung und fehlender Respekt in Beziehungen normal sind, okay sogar, solang von Liebe gesprochen wird. Ich möchte mit diesem Post gar nicht so viel erreichen. Vielleicht, dass wir alle anfangen, kritischer zu lesen und mehr darüber nachzudenken, was uns im Roman präsentiert wird. Vor allem möchte ich meinen Standpunkt in der Debatte klarstellen. Denn der "Teesalon" beschäftigt sich schon von Anfang an mit schwierigen Themen, es liegt mir am Herzen, problematische Inhalte nicht einfach durchgehen zu lassen. Ich erwarte nicht, dass mir jetzt zugestimmt wird und ich möchte auch gar nicht unbedingt diskutieren. Sachliche Kommentare sind mir aber natürlich wie immer sehr willkommen!

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1 Kommentar

  1. Hallo Kat,

    jetzt kommt mein Gegenbesuch.
    Zuerst einmal möchte ich sagen, dass ich deinen Blog sehr toll finde. Du rezensierst hier einige interessante Bücher, von denen ich vorher noch nicht gehört hatte, und deine Teegedankentexte sind auch sehr gelungen. Ich bleibe direkt als Followerin da :) .

    Jetzt zu diesem Artikel: Der ist wirklich fantastisch und spiegelt meine eigenen Gedanken gut wieder. Ich überlege schon länger was zu dem Thema zu schreiben und du hast hier viele Punkte aufgegriffen, die ich ähnlich sehe. Vor allem die Erklärung warum feministische Kritik keine Zensur ist gefällt mir. Ich bin Jurastudentin und finde es furchtbar wenn Leute mit "das ist Zensur" argumentieren. Das klingt jetzt böse, aber jedes Mal wenn jemand bei der Kritik an toxischen Beziehungen in Romanen von Zensur spricht muss ich mit den Augen rollen und denke mir "du verstehst nicht wie die Meinungsfreiheit funktioniert". Klar haben die entsprechenden Autor_innen die Freiheit extrem sexistische Bücher zu schreiben, aber wir haben genauso die Freiheit diese dafür zu kritisieren.

    Ich gebe dir vollkommen recht, dass Jugendliche leider oft nicht erkennen können, dass manche Beziehungen in Büchern toxisch sind. Ich fand als Jugendliche Bellas und Edwards Beziehung vollkommen unproblematisch und sein Verhalten fand ich okay, weil er sie liebt. Leider sehen aber auch manche Erwachsene Leserinnen nicht, wie toxisch solche Beziehungen sind. Ich habe leider zahlreiche Rezensionen von Erwachsenen Frauen gesehen, die die Beziehungen in "Paper Princess" und "Fifty Shades of Grey" total süß und unproblematisch finden. Wir haben toxisches Verhalten und Sexismus leider so stark verinnerlicht, dass es uns oft schwer fällt solches zu erkennen.

    Liebe Grüße und danke für den tollen Beitrag
    Elisa

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